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german.pages.deRichtige Schulen, falsche Kinder?Drei Klassen von Kindern gibt es in Deutschland: erstens die altdeutschen Kinder aus deutsch sprechenden Familien, zweitens die neudeutschen Kinder aus Familien, in denen ein Elternteil ausländischen Ursprungs ist und wenig oder kein deutsch spricht, und drittens Kinder aus Familien in denen beide Eltern ausländischen Ursprungs sind und wenig oder kein deutsch sprechen. In den Grund- und Hauptschulen dominieren zumindest in den Städten mittlerweile die neudeutschen Kinder der Kategorien Zwei und Drei. In den Gymnasien hingegen herrschen die altdeutschen Schüler vor. Gelegentlich findet man dort ein Kind der Gruppe Zwei, und ganz selten eins der Gruppe Drei. Diese Selektion ist darauf angelegt, auch im neuen Jahrhundert das Land von der ständig schrumpfenden Zahl der Altdeutschen dominieren zu lassen. Wie in Frankreich die Français de souche, wie in Amerika die wasps, in Äthiopien die Amharen, in Haiti die Mulatten wird sich in Deutschland eine kleine Herrschaftschicht herausbilden, die das Land fest im Griff hat und ihre Position durch das Schulsystem, durch soziale und wirtschaftliche Diskriminierung der fremdbürtigen oder fremdstämmigen Masse verteidigt. Im Laufe der Jahrzehnte werden wahrscheinlich viele Mitglieder der Gruppe Zwei von den Altdeutschen assimiliert werden, sowie eine kleine Elite der Gruppe Drei. So weit, so gut. Jedes Land hat das Recht, sein Herrschaftssystem zu wählen. Die Oligarchie einer kleinen Elite, die auf Abstammung und Namen basiert, wäre in Deutschland ja keineswegs etwas neues. Erstaunlich aber ist, dass die Altdeutschen dieses Elitesystem offenbar nicht wollen. Während in der Unterschicht die Ausländerfeindlichkeit und Bereitschaft zur Ausgrenzung zunimmt, übt sich das offizielle und intellektuelle Deutschland in Entsetzen über die Unfähigkeit oder Unwilligkeit der Neudeutschen, sich zu assimilieren. Man vermutet sogar Diskriminierung seitens des altdeutschen Schulsystems. Ganz praktisch muss man erst einmal fragen: was ist eigentlich das Ziel des deutschen Schulsystems? Will man über zwei Drittel Akademiker erzeugen, wie in Frankreich, wo Handwerkermangel herrrscht, oder in den USA, wo Sekretärinnen inzwischen einen bachelor of arts brauchen? Oder will man eine kleine akademische Elite konservieren, die von einer breiten Basis Halbgelernter und Ungelernter getragen wird, wie es im Deutschland des 20. Jahrhunderts der Fall war? Wenn letzteres das Ziel ist, dann ist das deutsche Schulsystem vorzüglich konstruiert. Dann hat Klein-Mustafa, dessen Eltern aus Diyarbakr kommen, keine Chance. Denn um sich in der Grundschule für das Gymnasium zu qualifizieren, müsste Mustafa fliessend deutsch in Wort und Schrift lernen. Wie macht er das, wenn zuhause türkisch oder kurdisch gesprochen wird? Wenn die Kinder in der Nachbarschaft und in der Grundschule auch mehrheitlich nicht deutsch sprechen? Wenn die Eltern Mustafas Wunsch, deutsch zu lernen, mit Misstrauen vernehmen, denn der Vater will vielleicht nicht, dass sein Sohn schlauer wird als er selbst und die Autorität der Eltern infrage stellt? Oder weil der Hodscha in der Moschee predigt, dass man mit den Schweinefressern keinen Umgang haben darf, weil das haram ist, Sünde. Vielleicht hat Klein-Mustafa Glück und findet in seinem Viertel einen vorbereitenden oder schulbegleitenden Sprachkurs. Vielleicht steht er in der Schlange für Kursteilnahme weit vorne. Vielleicht ist Klein-Mustafa ganz einfach sprachbegabt und neugierig, die Sprache der Ungläubigen und Schweinefresser zu lernen. Vielleicht, aber nicht wahrscheinlich. Und für Mustafas Schwester Klein-Sevil ist das noch weniger wahrscheinlich, obwohl sie die Sprachbegabtere sein könnte. Es gibt also zwei Perspektiven, unter denen man die deutsche Schule sehen kann. Entweder gibt es in diesem Land ein richtiges Schulsystem, falsche Kinder oder richtige Kinder, falsches Schulsystem Wenn man sich in Zukunft ein Deutschland für die Altdeutschen vorstellt, ist das System richtig. Wenn man hingegen das Deutschland der Zukunft als melting pot sieht, in dem eine Vielzahl von Kulturen verschmelzen, dann ist das System falsch. So wie es für die USA schmerzhaft ist, sich eine Zukunft mit der unausweichlichen Zweisprachigkeit englisch-spanisch vorzustellen, so leidet Deutschland unter dem Multikulti-Trauma. Erst jüngst hat der Times-Atlas für Deutschland zwei Landessprachen angegeben, nämlich deutsch und türkisch. Wer in den Städten das Angebot an der Zeitungskiosken ansieht, wird die Angabe bestätigt finden. Wem unter den Altdeutschen es nicht passt, dass türkisch Zweitsprache geworden ist, der sollte Sorge tragen, dass Klein-Mustafa und Klein-Sevil geholfen wird. Das aber ist nicht mit Zwang und Strafen zu erreichen, sondern nur mit der Anpassung des Schulsystems an die real existierenden Kinder. Dazu ein Rückblick auf die historische Entwicklung des deutschen Schulsystems. Im Jahre 1894 wurde die kleine Maria Fürst in Stuttgart geboren. Ihr Vater, Joseph Fürst, war Prokurist und Redakteur eine Fachzeitschrift. Jedesmal wenn seine Frau Magdalena eines der insgesamt fünf Kinder gebar, sagte er zu ihr “Das Kind wird mir Glück im Beruf bringen.“ Klein-Maria wurde, wie üblich, auf eine katholische Töchterschule geschickt. Dort lernte sie hauptsächlich beten, nebenher noch lesen und schreiben, und einfaches kopfrechnen, nämlich addieren und subtrahieren. Das war's, und das reichte als Qualifikation für die Kunstgewerbeschule, wo die begabte Maria Grafikerin und Dekorateurin wurde. Sie ging später nach Berlin und hatte eine erfolgreiche Karriere. Heute würde man Vater Fürst vorwerfen, dass er seine vier Töchter auf Klippschulen geschickt hat. Das würde Vater Fürst empört zurückweisen. Er selbst hatte als Waisenkind aus dem Odenwald in Wien tagsüber sein Geld als Druckereiarbeiter verdient, und nachts Drucktechnik studiert. Ein Selfmademan also. Damals also war Deutschlands Schulsystem sehr breit angelegt, und sehr durchlässig, falls ein Kind begabt war und die Eltern wohlhabend genug waren, längere Schuljahre und höhere Schulen zu tragen. Doch die Kinder mussten sich in der Regel mit dem einfachsten zufrieden geben: der nächstgelegenen öffentlichen oder privaten Schule, die oft nur eine einklassige Dorfschule war. Sich weiter zu entwickeln, war mehr Sache des Kindes als die der Eltern, die bei ihrer grossen Kinderschar andere Probleme hatten, als sich um ein einzelnes Kind besonders zu kümmern. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts nahm die Kinderzahl in den Familien kontinuierlich ab. Aus Masse wurde Klasse. Weniger, aber bessere Kinder, wurde die Devise. Hatten früher Eltern vielleicht noch gedacht, dass bei vier, sechs oder acht Kinder die Chance steigt, einen Volltreffer zu erzielen, so musste nun bei ein oder zwei Kindern jedes einzelne ein Volltreffer werden. Vom Schrotschuss zur Präzisionswaffe. Von der Töchterschule zum Gymnasium. Das Schulsystem passte sich dem neuen Fortpflanzungssystem an, und bemühte sich, den Eltern die erhofften Volltreffer zu liefern. Klein-Maria Fürst hätte heute mit ihrem Töchterschule-Abschluss keine Chance. Ihre Orthografie war wacklig, ihre Mathematik fast inexistent, vom Rest sollte man besser schweigen. Sprachen? Hochdeutsch als erste Fremdsprache? Ein Besuch der Kunstgewerbeschule jetzt Akademie genannt ausgeschlossen, eine Karriere als Grafikerin undenkbar. Heute bringen altdeutsche Kinder schon bei Einschulung Kenntnisse mit, an die früher nicht zu denken war. Sie sind mit den Eltern gereist, kennen fremde Länder und haben ihre Sprachen gehört. Das Fernsehen, die Spielzeugwelt, sogar der Computer haben ihnen vielfältige Kenntnisse und Einsichten vermittelt. Sie können schwimmen und Rad fahren, was früher viele Erwachsene zeitlebens nicht lernten. Die Eltern befassen sich selbst mit ihnen, während sie früher hauptsächlich anderen Kindern und analphabetischen Hilfskräften überlassen wurden. Für solche modernen Hochleistungskinder ist das deutsche Schulsystem konzipiert. Sie sind vielleicht durch die Vielzahl der Anforderungen überlastet, neurotisch und haben als Einzelkinder oft Defizite in der Sozialisierung, aber sie sind kleine Rennpferde. Der Intellekt wird geschult, jede verborgene Begabung aufgespürt und gefördert. Zumindest in der Theorie. Klar, dass ein solches Schulsystem für Klein-Mustafa und Klein-Sevil ebenso wenig taugt, wie für Klein-Maria. Wobei Maria mit schwäbisch antrat, Mustafa und Sevil aber mit einer Fremdsprache. Wenn die Neudeutschen der Gruppen Zwei und Drei in Zukunft die Mehrheit der Kinder stellen, die in Deutschland eingeschult werden, ist mit ein Sprachkursen wenig erreicht. Stattdessen muss sich das Schulsystem rückentwickeln, nämlich von der Kindidee als Präzsionswaffe zurück zur Kindidee als Schrotflintenschuss. Mustafas Vater kann man ebenso wenig einen Vorwurf machen wie Vater Fürst. Beide tun, was in ihrer Kultur richtig ist. Die Kinder sind richtig; die Schule muss sich anpassen. Wie macht sie das? Das ist eine gute Frage für die zahlreichen Experten, die es in diesem Lande gibt. Sollen sie sich ihre Köpfe darüber zerbrechen, wie man die Grundschulanforderungen so weit reduziert, dass die Mustafas und Sevils bequem eintreten und auf der Leiter aufsteigen können. Das alles, ohne die altdeutschen Kinder in ihrer Rennpferdfunktion zu beeinträchtigen. Keine leichte Aufgabe. Zeit, darüber konstruktiv nachzudenken.
—— Burkhart Fürst |